Goethes Faust gehört zweifelsohne zu den bekanntesten Stoffen in der europäischen Kultur.
Kaum eine Geschichte zeigt so exemplarisch die menschliche Suche nach dem Sinn des
Lebens. Ebenso exemplarisch zeigt sich im Faust jedoch auch, wie die Sinnkrisen der
Privilegierten ständig gegen die Existenzkrisen der weniger Privilegierten ausgespielt werden:
Es sind die Monologe des depressiven Faust, die die Seiten füllen, während die materielle
Existenzkrise der weiblichen Hauptfigur Margarete (oder “Gretchen”) weitestgehend unerzählt
bleibt: Als Kollateralschaden von Fausts Selbstfindungsreise wird sie unverheiratet schwanger,
wodurch ihre soziale und physische Existenz auf dem Spiel steht - eine vielleicht ausweglose
Situation.
Wir finden, dass Gretchens Schicksal mehr Aufmerksamkeit verdient und widmen ihr deshalb
einen ganzen Abend. Nur - wo fangen wir an zu erzählen, wenn in der Geschichte eine große
Lücke klafft? Auch in anderen Kunstformen wie der klassischen Musik, die den Fauststoff
freudig verarbeitet hat, finden sich keine Darstellungen von Margarete, in der die von Goethe
ausgesparten Momente ihrer Handlung beschrieben werden. Sicher nicht unerheblich ist dabei,
dass alles, was in der Lücke verschwindet, von sehr körperlichen Erfahrungen wie Sex,
Schwangerschaft, Geburt und Tod des Kindes handelt.
Wir fragen uns: Was ist das Bedrohliche am Weiblichen - an seinem Körper, seinem Begehren,
seinem Leben - das uns vorenthalten werden soll? Können wir ein von Männern erdachtes
Frauenschicksal ‘auserzählen’, ohne dabei in die Falle zu tappen, die männliche Imagination
des Weiblichen weiterzuführen? Wo steckt Gretchens eigener Wille, wo ihr Aufbegehren?
In diesem ‘Kammermusiktheater’ nähern wir uns durch Gretchen all den Themen an, über
die nicht gesprochen werden soll - weder in Goethes Faust, noch in den ‘Gretchen-Liedern’
des 19. Jahrhunderts. Wo der Kanon schweigt, setzen wir mit neuen Texten und
Bearbeitungen der Musik moderne weibliche Perspektiven an. Was dabei entsteht, ist ein
Abend zwischen Kammermusik, Performance und Sprechtheater mit Texten von Goethe bis
heute, Musik von Schubert bis Techno.
Es spielen: Daniela Zib, Annika Spegg, Laura Schwind & Niayesh Ebrahimi
Die Veranstaltung wird gefördert vom Kulturamt der Stadt Leipzig.
Termine
Samstag, 23.05.2026 19:00 Uhr
Voll : 12€, Ermäßigt: 8€, Förderpreis: 15€
Sonntag, 24.05.2026 19:00 Uhr
Voll : 12€, Ermäßigt: 8€, Förderpreis: 15€