#kulturrelevant – Neues Radiofeature des Ost-Passage Theaters zur Lage der Kultur in Leipzig

Wir wollen mit der gesamten Leipziger Szene die Köpfe zusammenstecken, der gegenseitigen Solidarität einen erlebbaren Erfahrungsraum zurückgewinnen und dem Stellenwert der Kultur ausreichend Gehör verschaffen. Deshalb starten wir am kommenden Freitag in Kooperation mit Radio Blau das Radiofeature #kulturrelevant. Das einstündige Programm beinhaltet neben Gesprächen mit betroffenen Künstler*innen-Gruppen aus der Reihe der „Freitags-Interviews“ und einigen musikalischen Extras, eine moderierte Talkrunde mit verschiedenen Gästen aus Kulturbetrieben, soziokulturellen Einrichtungen, politischen Gruppen und Künstler*innen aus Leipzig. Diskutiert werden soll in abwechselnder Besetzung jeweils über die aktuelle Lage der Kulturarbeit vor Ort.

Die Erstsendung von #kulturrelevant erfolgt über die UKW-Frequenz von Radio Blau (99,2) am Freitag, den 15.05., um 19 Uhr. Alle weiteren Sendungen werden dann jeweils Freitag um 17 Uhr von Radio Blau im Rahmen des laufenden Programms ins Internet gestreamt. Zum Nachhören gibt es alle Sendungen auch als Podcast über die Homepage des Ost-Passage Theaters hier an Ort und Stelle.

Zur Premiere der neuen Sendereihe diskutieren Stefan Wenzel vom Westflügel, Samanta Gorzelniak vom Pöge-Haus und Jonas Löwenberg vom Solidarischen Gesundheitszentrum Leipzig (Poliklinik). Den Talk moderiert Leonie Sowa vom Ost-Passage Theater. Außerdem im Gespräch: Die freie Musiktheater-Gruppe Schatz und Schande. Die Musik kommt von dem Leipziger Musikproduzenten plak (trip hop, drum & bass).

Zur zweiten Sendung am 22.05. werden Gäste von Organize und der Mühlstraße 14 sowie der freischaffende Musiker Christian Walter erwartet. Ausführlich zu hören gibt es außerdem das Interview mit der Projektgruppe Roots and Sprouts, die regelmäßig internationale Musiker*innen nach Leipzig holt. Die Musik zur Sendung stiftet die Band Humulus aus der Lombardei. Stay tuned!

Zum Hintergrund der Sendung

Die aktuelle Krise in der Begegnungskultur hat die freie Leipziger Szene schwer getroffen. Viele Künstler*innen mussten laufende Projekte verschieben oder gar ganz aufgeben. Eine Vielzahl an geplanten Veranstaltungen und Versammlungen musste abgesagt werden, mit den einhergehenden Einnahmeverlusten, die die staatlichen Beihilfen nur unzureichend ausgleichen. Die Bühnen und Kulturbetriebe blicken auf ein immer größer werdendes Haushaltsloch und in eine ungewisse Zukunft. Das gilt in besondere Weise auch für die Soziokultur, die sich mit ihren kleinteiligen, zielgruppen-diversen Angeboten auf Bindung, Beziehung und Austausch spezialisiert hat und mit ihren vergleichsweise kleinen Veranstaltungsorten von den Abstandsgeboten und Kontaktbeschränkungen extra hart betroffen ist. Das gilt aber auch für die vielen zivilgesellschaftlichen Akteure der Stadt, deren politischer Aktivismus auf wirkmächtige Versammlungen im öffentlichen Raum angewiesen ist. Auch die Politische Kultur ist von der Krise direkt getroffen. Dass wir uns unterhaken und gemeinsam, geschlossen und solidarisch auf der Straße für unsere politischen Ziele streiten, dass erscheint heute wie ein verblichenes Bild aus einer fernen alten Zeit.

Die Plötzlichkeit, mit der diese Zeitenwende eintrat, ihre Unmittelbarkeit war wie ein Schock. Und die Starre löst sich erst langsam. Gleichzeitig haben die Verteilungskämpfe entlang der gesellschaftlichen Bruchlinien längst begonnen und werden in neuer Härte vorgetragen. Über Solidarität wird zwar viel geredet, doch ist ihr konkreter Erfahrungs-raum vergleichsweise klein. Wie in einer Überbelichtung zeigt uns die Krise das Mangel-hafte auf: Den überspannten Individualismus, die enthemmte Konkurrenz, die grassieren-den inhumanen Denkmuster und Verhaltensweisen, deren zynische Zukunftsperspektiven. Und wir sehen plötzlich, wie relevant die soziale, kulturelle und politische Bildung für ausdifferenzierte moderne Gesellschaften ist! Denn dort, wo Soziales und Politisches sich aneinander bilden, entwickelt sich Kultur. Sie ist deshalb viel eher Gradmesser entwickelter Gesellschaften als das BIP, und lässt sich nicht auf ein Subsystem der Ökonomie, etwa auf den Cluster „Kreativwirtschaft“ reduzieren. Die „Kultur“ ist auch kein eigenes System – nur für sich selbst relevant – wie böse Zungen behaupten. Ganz im Gegenteil! Die Kultur bestimmt geradezu die Zwischenräume, in denen die verschiedenen gesellschaftlichen Systeme miteinander interagieren, im Großen wie im Kleinen. Die Kultur ist also nicht system-relevant (für die Wirtschaft), sie ist gesellschaftsrelevant (für den Menschen)!

Dass dieses entwickelte Bewusstsein über den Stellenwert der Kultur wenig Verbreitung hat, ist ein Indiz der aktuellen Krise selbst. Wir spüren es, wenn von „social distancing“ gesprochen wird, als wäre es das Einfachste von der Welt. Es fällt uns auf, wenn nach der 23. Bundespressekonferenz wieder einmal niemand das Wort „Kultur“ in den Mund genommen hat. Und wir können diesen negativen Befund schon am düsteren Horizont aufscheinen sehen, wenn wir an die zukünftig schrumpfenden Haushalte und Etatkürzungen denken.

Das Ost-Passage Theater, als ein Netzwerk von vielen freien Künstler*innen, Kultur-schaffenden und Aktivist*innen, will deshalb über die Sendung #kulturrelevant, ohne die sonst üblichen Abstandsregeln zwischen Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen, zwischen Politik, Soziokultur und Hochkultur einzuhalten, mit der gesamten Leipziger Szene die Köpfe zusammenstecken; der gegenseitigen Solidarität einen erlebbaren Erfahrungsraum zurückgewinnen und dem Stellenwert der Kultur ausreichend Gehör verschaffen.