PERSPEKTIVEN – Leipzig als Stadt der Freiräume

20130927_OPT-Aura des Raumes IVLeipzig kommt! Endlich, möchte man meinen. Der negative Trend bei den Geburten ist durchbrochen und Jahr für Jahr strömen mehr Menschen in die Stadt. Allen voran der Kreativsektor, der fleißig am Image der Stadt als ‚innovativ‘ und ‚aufregend‘ bastelt. Die großen Leitmedien haben Leipzig längst für sich entdeckt. So zitiert die FAZ nicht mehr Goethes “Klein Paris”, sondern schwärmt über die junge Kreativszene Leipzigs als ein “Disneyland des Unperfekten”. Keine Stadt im Osten wächst in so rasanter Geschwindigkeit und zieht Künstler/-innen und Freischaffende mit sich mit. Viele Selbständige aus den Kreativbereichen wechseln aus den Großstädten der Bundesrepublik voller Enthusiasmus ins vergleichsweise beschauliche Leipzig. Mehr noch: Der Zustrom wächst international. Über die Landesgrenzen hinweg firmiert Leipzig schon längst als “place to be”.

Vor dem Hintergrund dieses „Hypes“ hat der Strukturwandel in der Stadt bereits begonnen. Der Raum für alternative Nutzungen schrumpft, der Wohnraum wird knapp, die Mieten steigen. Mittel- bis langfristig wird diese Entwicklung die Voraussetzungen für die Kreativszene nachhaltig verändern. Die Freiräume für künstlerische aber auch soziale Experimente werden nicht mehr wie bisher quasi zum Nulltarif auf der Straße liegen, sondern müssen in Zukunft eher gehalten, geschützt und organisatorisch abgesichert werden. Dabei können wir weder darauf hoffen, dass der Markt sich entsprechend selbst reguliert, noch darauf, dass im Rathaus zügig ein Umdenken einsetzt. Wenn wir die zentrale Bedingung für die positive Stadtentwicklung der letzten Jahre, dass ausreichend Freiräume vorhanden sind, erhalten wollen, muss sich die Bürgerschaft stattdessen selbst kulturpolitisch engagieren.

Unsere Initiative zur Neugründung des Ost-Passage Theaters ist entsprechend auch Ausdruck dieses gewachsenen Selbstbewusstseins innerhalb der Leipziger Kultur-schaffenden, die mit ihrer Innovationskraft und ihrem Pioniergeist wesentlich zur besseren  Profilierung der Stadt beigetragen haben. Im Leipziger Osten wird dem Ost-Passage Theater eine wichtige Pionier- und Katalysatorrolle zukommen. Größe, Umfang und Strahlkraft des Vorhabens erzeugen eine kritische Masse von strukturverändernder Relevanz und auch einen ganz neuen Erregungskanal bei der einsetzenden „Ostorientierung“ der Leipziger Kreativszene, die im Westen der Stadt immer weniger unerschlossenen Freiraum vorfindet.

Wir sehen unsere Initiative deshalb nicht nur als Imagefaktor für die „verrufene“ Eisenbahnstraße, sondern auch als wichtigen Baustein beim Aufbau leistungsfähiger Strukturen der Kreativwirtschaft im Osten der Stadt. Wobei damit viel weniger gemeint ist, möglichst viele hochwertige Kulturprodukte kommerziell zu vermarkten. Vielmehr verstehen wir unter „Kreativwirtschaft“ den kreativen Umgang mit den Fragen der wirtschaftlichen Organisation eines Kulturbetriebes, dessen Leistungsfähigkeit sich an den konkreten Bedürfnissen der Menschen vor Ort bemisst. Der betriebswirtschaftliche Erfolg der Unternehmung ist demzufolge zwar notwendig, aber schließlich nur Bedingung der Möglichkeit, das Ost-Passage Theater für jeden offen zu halten, und gemeinsam mit den Nachbarn einen Freiraum auszugestalten. Das schließt auch mit ein, dass wir anstelle kräfte-zehrenden Konkurrierens mit anderen Kulturschaffenden auf kluge Vernetzungsstrategien und enge Kooperationen setzen.

Für die weitere Entwicklung des Ost-Passage Theaters sind jedenfalls ausreichend Potentiale vorhanden. So ist der gesamte Kellerbereich des Hauses noch unerschlossen und die hohen Räume bergen die Möglichkeit einer Nebenbühne, etwa für Kleinkunst, Nummerntheater oder Jams&Slams. Im direkt angrenzenden Stadtpark „Rabet“ finden sich zudem einige sehr spannende Flächen, die sich perspektivisch zu einer Außenbühne entwickeln ließen, um im Sommer auch Theater und Konzerte unter freiem Himmel, für die ganze Familie anbieten zu können.

Diese Vielseitigkeit unseres Projektansatzes stößt schon jetzt auf ein breites Interesse. Langfristig wollen wir das Ost-Passage Theater deshalb zu einem unverzichtbaren Knotenpunkt im lokalen Kreativnetzwerk aufbauen und uns auch über die Stadtgrenzen hinaus, sachsenweit und im gesamten mittedeutschen Raum wirksam vernetzen. Auf Grundlage einer nachhaltig gewachsenen Marke stellen wir uns dann langfristig durchaus auch den Auf- und Anschluss weiterer kulturnaher Betriebe unter dem Dach der Initiative vor. So könnte eine Künstleragentur interessierte Laien und Amateure in anstehende oder laufende Off-Produktionen vermitteln oder Einsteiger- und Aufbaukurse für die verschiedenen Fachbereiche rund um das Theater anbieten. Aufgrund der zahlreichen künstlerischen Nebenprodukte, die beim Theatermachen quasi von selbst anfallen – vom Text, über Bilder und Musik, bis hin zum Videomaterial – ist auch die Gründung eines hauseigenen Verlages auf lange Sicht nicht unrealistisch.

20130906_OPT-Aura des Raumes VWelches konkrete Gesicht das Ost-Passage Theater jedoch bis 2025 bekommt, wird am Ende wesentlich von dem Engagement abhängen, das die Leipzigerinnen und Leipziger für ihr Nachbarschaftstheater bereit sind aufzubringen. In diesem Sinne: ‚Herbei, Herein!‘ und ‚Bühne frei!‘ und ‚Vorhang auf!‘. Das neue Theater steht Euch offen und wir freuen uns auf Dich!