Für ein Nachbarschaftstheater!

Seit mehr als 20 Jahren ist die Kulturlandschaft, deren profilgebende Erhebungen einst die großen Stadt- und Staatstheater bildeten, im Wandel begriffen. Das Modell des deutschen Subventionstheaters in öffentlicher Trägerschaft passt dabei immer weniger zu einer Produktionsordnung, die sich am Primat der Effektivität orientiert, und alles vermeintlich Unnütze aus den Wertschöpfungsketten aussortiert. Angesichts dieser Strukturbedingungen erscheint die Idee einer Theaterneugründung, mit wirtschaftlichem Blick betrachtet, zuallererst als verwegene Unternehmung. Andererseits ist die Begeisterung am Theaterschauen und die Lust am Theaterspielen nach wie vor ungebrochen.

Gerade in Leipzig hat sich im Theaterbereich eine differenzierte Kultur- und Kunstszene entwickelt, die sich durch hohe Experimentierfreudigkeit und Pioniergeist auszeichnet und damit wesentlich zur bundesweiten Profilierung und Magnetwirkung Leipzigs als Kulturstadt beiträgt. Gleichzeitig sind die Produktionsbedingungen für viele Kulturschaffenden in der Stadt weiterhin sehr prekär. Bestehende Ressourcen können oft nicht richtig ausgenutzt, fertige Produktionen abgespielt und bestehende Publikumspotentiale ausgeschöpft werden. Als Initiative, die sich aus vielen Leipziger Theaterenthusiast/-innen zusammen setzt, die teilweise schon seit mehr als zehn Jahren Bühnenstücke an unterschiedlichen Orten der Stadt inszenieren, kennen wir die schwierigen Voraussetzungen der Off-Szene und freien Gruppen nur zu gut. Und aus diesen gewachsenen Erfahrungen heraus streben wir schon länger nach einer Verstetigung unserer Kulturarbeit und einem festen Haus, um die Proben der verschiedenen Gruppen unter unserer Leitung strukturiert zusammenführen zu können. Unter einem Dach wollen wir dabei versammeln, was zusammen gehört: Laien, Amateure und Profis. Nach dem Vorbild der Dresdener Bürgerbühne oder dem Rotterdamer Wijk-Theater soll ein semiprofessionelles Nachbarschaftstheater entstehen, das die angrenzenden Viertel inspiriert, involviert und bewegt.

Dabei kommt es uns vor allem darauf an, jenseits eines „Kulturimportes“ die verschütteten und verborgenen Potentiale vor Ort freizulegen, die Schwellen zum Mitmachen auf allen institutionellen Ebenen niedrig zu halten und offen zu sein für die Ideen und Energien der Nachbarn, Anrainer und sonstig Interessierten. Ähnlich dem alten Volksbühne-Modell soll sich so ein mitgliederbasierter und bürgerorientierter Theaterort entwickeln, der den „Trennstrich“ zwischen Publikum und Akteuren durchlässig gestaltet. Und der nicht nur ein Raum ästhetischer Projektionen ist, sondern auch soziokulturelle Bühne für die konkreten Probleme und politisches Podium für die berechtigten Interessen der Leipzigerinnen und Leipziger. Und in dieser Perspektive sehen wir unsere Initiative auch nicht in Konkurrenz zu den bestehenden Institutionen des Stadttheaters, sondern im Gegenteil, in der Form des Stadtteiltheaters im Leipziger Osten, als notwendige und kooperative Ergänzung desselben.

20130927-DachansichtenInnerhalb der Theaterlandschaft Leipzigs soll das „Ost-Passage Theater“ als wichtiger, gut vernetzter Kooperationspartner etabliert werden und dadurch auch den ziehenden und fahrenden Gruppen einen weiteren sicheren Hafen bieten. Mit diesem Ansatz wollen wir schließlich einen Teil dazu beitragen, dass das Schauen und Spielen auf und um die Bühne, dass die Theaterkunst mit ihrer unerschöpflichen Kraft zur Imagination und ihrem herausragenden Potential zur Abbildung und Reflexion sozialen Handelns auch in Zukunft ein fester Bestandteil der soziokulturellen Bildung quer durch alle Bevölkerungsschichten ist.